Wien Rundumadum

Wien ist eine große Stadt. Sie hat viel zu bieten, unter anderem einen Wanderweg, der rundherum geht. Im letzten Jahr kamen ein paar Leute auf die Idee, darauf ein Rennen zu absolvieren. Ich war angemeldet im letzten Jahr und konnte wegen einer Erkältung nicht laufen. Das Wetter im letzten Jahr war fantastisch und ich lag mit knirschenden Zähnen im Bett. Nicht so toll. In diesem Jahr wartete ich bis 4h vor Anmeldeschluss mit meiner Anmeldung. Das Wetter sollte wieder fantastisch werden, ich bin in der Form meines Lebens, also los. Laufen wir Rundumadum. Laufen wir 130 km am Stück. Erleben wir den längsten und intensivsten Tag unseres Lebens (laut Veranstalter ;-).
Und der Tag begann früh. Für mich mit einem vibrierenden Wecker an meinem Handgelenk um 3:30 Uhr. Gebraucht hatte ich ihn nicht, ich war hellwach. Anziehen, Frühstück, gepackte Sachen schnappen und ab ins Auto nach Gerasdorf, genau am anderen Ende von Wien. Ich immer zwischen „das wird so der Hammer werden“ und „was hab ich mir nur dabei gedacht“. Als ich am Ella Lingens Gymnasium ankam war ich eigentlich relativ ruhig, packte mein Zeug zusammen und machte mich auf den Weg in die Turnhalle, wo die Startnummernausgabe statt fand. Ich traf gleich Ronald, der in der Turnhalle geschlafen hat und auch Michele war schon da. Beide kannte ich von der legendären 3PeaksChallenge. Ronald und ich wollten eine Zeit zusammen laufen und mal schauen wie lang es klappte. Die Formalitäten waren schnell erledigt. Startnummer und GPS tracker verstaut, Dropbag für VP3 am Zentralfriedhof abgegeben und schon gings los mit dem Racebriefing. Keinen Neuigkeiten, und nach einem Gruppenfoto machten sich alle 130 km Läufer (128 an der Zahl) und die Startläufer der Staffeln auf den Weg zur Startlinie am Sportplatz. Es war kalt und nebelig, aber uns sollte sicher bald warm werden.


Um Punkt 7 fiel der Startschuss und locker trabend machten wir uns auf Richtung Marchfeldkanal auf den längsten Lauf meines Lebens. Alles lief ziemlich locker und die ersten 10 km waren bei interessanten Gesprächen mit Ronald schnell erledigt. Beim tweeten unterwegs wurde mir dann bewusst wie weit es eigentlich noch ist. Aber egal. Jetzt war ich unterwegs. Jetzt wollte ich das Ding erledigen.


Kurz danach wartete die wohl bekannte Nase auf uns und sehr früh schalteten Ronald und ich in den Wandermodus. Oben angekommen wartete Peter auf uns um uns ein Stück zu begleiten. Danke hierfür lieber Peter. Und danke für das schöne Foto von uns beiden.
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Kurz darauf auch schon die 20 km Marke. Es lief alles wie am Schnürchen. Die Bedingungen waren wie gemalt. Herrlich durch die herbstlichen Wälder rings um den Kahlenberg zu laufen.


Der Weg entlang der Höhenstraße führte uns zu dritt nach Neuwaldegg wo die erste richtige Verpflegungsstelle auf uns wartete. Flaschen auffüllen, Nutella Brote essen und weiter gings für Ronald und mich. Peter verließ uns hier, dafür stieß Michele zu uns und in einer etwas größeren Gruppe brachen wir auf Richtung Steinhofgründe und weiter Richtung Hütteldorf. Wie schon erwähnt, es war einfach herrlich zu laufen.


Nachdem wir den Bahnhof in Hütteldorf durchquert hatten begaben wir uns auf bekannte Wege. „Rund um den Lainzer Tiergarten“, eine Hausstrecke. Wir waren inzwischen zu viert. Ronald, Michele, Simone und ich und in so launiger Gesellschaft vergeht auch der eher öde Teil entlang der Westausfahrt wie im Flug. Und ehe man sich versieht ist der erste Marathon des Tages (von mehr als 3) erledigt.


Jetzt hinauf zum Dreihufeisenberg, der letzte richtig lange Anstieg für einige Zeit und dann hinunter zum Gütenbachtor.


Da wartete wieder ein kleines Päuschen auf uns. Für Simone war unsere Pause wohl etwas zu lang und so waren wir beim Aufbruch nur noch zu dritt. Auf meiner Haus- und Hofstrecke ging es an der Liesing entlang vorbei am Riverside, über den Liesinger Platz und Zack waren die ersten 60 km schon erledigt.


Fast vorbei an meiner Haustür verloren Michele und ich nun schön langsam Ronald, der meinte unser Tempo wäre ihm einen Tick zu schnell. Im nächsten Zwischenziel „Wienerberg“ wartete wieder ein bisschen Support auf uns. Moritz von #Boostvienna war extra an die Strecke gekommen um uns zu unterstützen. Und diese Unterstützung nahmen wir gerne an. Aus dem Wienerberg heraus bewegten wir uns nun durch den 10. Bezirk Richtung Zentralfriedhof und ich schickte mich an, mich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Weiter als die 72,7 km des Rennsteiglaufes bin ich noch nie gelaufen. Hier war das ein bisschen mehr als die Hälfte.


Mir ging es allerdings noch blendend. Michele und ich hatten inzwischen immer mal wieder ein Staffelläuferin als Begleitung, die etwas Schwierigkeiten mit der Navigation hatte und wir vertrieben uns die Zeit mit sehr interessanten Gesprächen über dies und das. Die dritte Verpflegung des Tages am Zentralfriedhof war nun erreicht. Aus meinem Dropbag füllte ich meine Essensvorräte auf, wechselte in ein trockenes Unterhemd und auch das Langarm-Shirt wurde durch ein trockenes ersetzt. Schließlich stand die Nacht bevor und da konnte es schon ein bisschen zapfig werden. Als nächstes stand Unterstützung für Michele an. Seine Familie wartete an der Strecke um in anzufeuern. Und nach einem kurzen Plausch machten wir uns zu zweit auf den Weg durch den 11. Bezirk Richtung Kraftwerk Freudenau um die Donau zu überqueren. Noch war Licht für ein letztes Selfie.


Auf der Donauinsel angekommen richteten wir unsere Stirnlampen her, denn das Tageslicht nahm rapide ab und wir enterten die Lobau. Eine tolle Kombination, denn das beim Racebriefing angekündigte Reflektionsspray auf den 10×10 cm großen Markierungsschildern des Wanderweges versagte irgendwie komplett seinen Dienst. Und so waren Michele und ich sehr froh, dass wir beide den Track auf unseren GPS Geräten hatten und auch dass wir zu zweit waren. 4 Augen sehen ja bekanntlich mehr als 2. Und so konnten wir auch diese Klippe ohne größere Umwege umschiffen, nebenbei überquerten wir schon die 90 km Marke und das Ziel kam immer näher.


Kurz vorm 100er wartete dann noch eine Verpflegung auf uns. Wir nahmen uns etwas mehr Zeit. Setzten uns sogar hin, genossen ein Süppchen und Tee bevor wir Donaustadt in Richtung Hirschstetten durchquerten. Zwischen den ganzen Halloween Zombies fielen wir mit unserem Laufstil kaum auf und auch unsere Gesichter dürften inzwischen schon zombiemäßig ausgesehen haben. „The running Dead“. Aber so schlecht fühlte ich mich gar nicht. Klar zwickte hier mal was oder da. Aber nichts gröberes, was man nicht ignorieren könnte. Und dann war es soweit. Zum ersten mal in meinem Leben überquerte ich die 100 km Marke zu Fuß. Was für eine krasse Nummer


Von den nächsten 10 km weiß ich irgendwie nicht mehr so viel. Und auch der Tweet war irgendwie fehlerhaft. Das soll eigentlich heißen, „Die Ziellinie kommt näher“


An der letzten Verpflegungsstation in Gerasdorf am Bahnhof srärkten wir uns noch einmal und machten uns auf die letzten 15 km. Unsere Gespräche waren auch etwas weniger geworden. Um ehrlich zu sein beschränkten sie sich auf: „Do you mind if we walk a little bit?“
„No, I don’t mind walking at all!“ Und so kämpften wir uns zu zweit teils gehend, teils laufend zum letzen Hindernis, dem Bisamberg. Die letzten knapp 200 Höhnemeter von insgesamt rund 1700 auf unserer langen Reise. Im Aufstieg überquerten wir die 120 km Marke.


Aber der Aufstieg war eigentlich nicht so das Problem. Bergab, durch Stammersdorf. Auf einer Kopfsteinpflaster-Straße. Unfassbar. Das war wirklich Aua. Aber auch das bogen wir und auf gings zum Marchfeldkanal wo wir rund 16 Stunden zuvor gestartet waren. Auf den Sportplatz, hinein in die Turnhalle und Hand in Hand über die Ziellinie. Was für ein Tag. 130 km am Stück zu Fuß in 16h35min. Der absolute Hammer und ein unbeschreibliches Gefühl, so etwas gepackt zu haben.


Einen großen Dank möchte ich hier noch an Michele aussenden. Er hatte an diesem Tag sehr großen Anteil an meinem Finish. Er hat immer wieder das Tempo hoch gehalten und gepusht. Er hat gut navigiert und er hat mich den ganzen Tag fantastisch unterhalten. Ein wirklich tolles Erlebnis.

Hier die Daten: 130,98 km 16:35:40 (7:36 min/km 7,9 km/h) Ø HF: 122 bpm

Ein paar Fotos gibts hier noch zu sehen.

Impressionen

Ein Kommentar

  1. Mein Laufjahr 2015 um |

    […] zu laufen/gehen. Die Eindrücke hiervon wirken auch noch lange nach. Den Rennbericht findet ihr hier. Ein großer Dank hier noch einmal an Michele und an Ronald. Eure Gesellschaft während des Laufes […]

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